The Pizza-Chronicles, Part 1
Mein Alltag ist kompliziert. Jeden Tag quäle ich mich mit der Frage: Pizza bestellen oder eine aus dem Tiefkühlschrank in den Ofen schieben? Beides hat Vor- und Nachteile. Bestelle ich die Pizza telefonisch, spare ich mir den ständigen Blick in den Ofen, ob die Pizza schon fertig ist. Allerdings, das ist der Nachteil, muss ich, bis die Lieferung kommt, dauerhaft meine Ohren spitzen – meine Klingel ist sauleise. Nur ein Räuspern und ich habe unter Umständen schon den Pizzaboten verpasst.
Mein Verhältnis zu meinem Pizza-Boten ist sowieso nicht das Beste. Der Kerl arbeitete früher bei DHL als Paketbote und gibt meine Pizza gerne bei meinen Nachbarn ab. Zum Bezahlen steht er aber dann doch vor meiner Tür:
“Guten Tag. Macht genau 12 €.”
“Und wo ist die Pizza?”
“Habe ich bei Ihrem Nachbarn abgegeben. Im Hinterhaus. Oberstes Stockwerk.”
“Warum denn das?”
“Sie waren nicht da.”
“Aber ich bin da. Sie kassieren ja gerade bei mir.”
“Als ich das erste Mal geklingelt haben, war niemand da. Ihr Nachbar war so freundlich, die Pizza anzunehmen.”
“Und der Abholzettel?”
“Liegt als Belag auf der Pizza.”
Dann bezahle ich missmutig und mache mich auf den Weg zu meinem Nachbarn. Er öffnet mir mampfend die Wohnungstür, drückt mir die leere Verpackung in die Hand und bittet mich, sie einfach in den Müllcontainer im Innenhof zu werfen. Da ich da doch sowieso auf dem Weg zurück in meine Wohnung vorbei käme.
Das Kruzifix ist eine Mensch gewordene Uhr
“Können Sie mir sagen, wie spät es ist?”
“21.30 Uhr.”
“Nein, nicht jetzt. Wenn ich irgendwann mal keine Uhr dabei haben sollte. Im Moment habe ich ja eine.”
“Aber natürlich, ich werde mit meiner Uhr immer für Sie da sein. Falls wir uns dann wieder zufällig über den Weg laufen, bin ich Ihr Mann.”
“Ich werde Sie suchen. Überall. Sobald ich nicht mehr weiß, wie spät es ist.”
“Tagsüber muss ich aber arbeiten. Ich arbeite in einem Gardinenladen.”
“Ist das nicht anstrengend?”
“Extrem. Aber gar nicht. Wieso?
“Ich kann mir vorstellen, dass die Kunden sich ständig zwischen den Gardinen verstecken und “Hui Buh!” rufen”
“Die Kunden sind eigentlich recht seriös. Von mir weiß ich das nicht so genau. Aber jetzt, wo Sie es sagen: Ich wundere mich oft, dass die Ladenklingel läutet, aber dann sind keine Kunden zu sehen.”
“Sehen Sie. Die haben sich gleich nach Betreten des Ladens zwischen den Gardinen versteckt. Kunden können so schüchtern sein. Wenn ich einen Laden betrete, verstecke ich mich auch erst einmal und sondiere aus sicherer Position eine halbe Stunde lang das Terrain.”
“Manchmal höre ich Menschen zwischen den Gardinen atmen.”
“Dass Sie noch nicht durchgedreht sind, ist ein Wunder.”
“Ja, ich bin psychisch sehr stark.”
“Dann machen wir es doch so: Wenn ich mal nicht weiß, wie spät es ist, komme ich bei Ihnen im Laden vorbei und frage Sie nach der Uhrzeit.”
“Oh, das müssen Sie gar nicht. Wir haben eine Uhr an der Wand hängen.”
“Können Sie die abhängen?”
“Ja, aber warum sollte ich?”
“Sie haben Recht. Das wäre bescheuert.”
“Dann hänge ich sie ab.”
“Ich habe ja mal zwei Jahre als Wanduhr gejobbt.”
“Und?”
“Wurde ausgetaucht. Weil mich alle um Viertel vor 3, um 10 vor 2, aber auch um 20 vor 4 für ein Kruzifix hielten”
“Sie meinen ausgetauscht.”
“Habe ich das nicht gesagt?”
“Nein, Sie sagten: ausgetaucht.”
“Daran ist der Typ Schuld, der diese Scheiße hier verzapft. Der hat den Satz nicht Korrektur gelesen.”
“Würde mich nicht wundern, wenn es nicht er einzige Fehler wäre.”
“Das ganze Blog ist eine riesengroße Scheiße.
“Boah, ja. Alles eine riesengroße Wichsscheiße”
Eine kurze Phase der Nachdenklichkeit
“Sie wirken so nachdenklich.”
“Ich weiß einfach nicht, ob ich Sie zunächst nur abweisend behandeln soll oder gleich beleidigend.”
“Da kann ich Ihnen auch nicht helfen.”
“Ach, halten Sie doch das Maul.”
“Oh, Sie haben sich entschieden?”
“Das war reine Intuition.”
“Sie wirken aber jetzt unheimlich befreit.”
“Ach, halt’s Maul.”
“Dann 12 Brötchen, bitte.”
“Zum hier essen oder mitnehmen?”
Der Prozess 2010
Kafka hatte ein Riesenglück. Ihm wurde aus unbekannten Gründen der Prozess gemacht, ich hingegen werde für ein Vergehen angeklagt, das mit unsichtbarer Tinte ins Gesetzbuch geschrieben worden ist. Unschuldig bin ich außerdem, aber versuchen Sie einmal, eine Rechtsprechung von Ihrer Gesetzestreue zu überzeugen, die sich auf unsichtbare Paragraphen bezieht.
Jedenfalls soll ich als Doppelagent gearbeitet haben: Neben meiner Tätigkeit als Taubenvergrämer im Dienste der Menschheit habe ich angeblich auch mit den Tauben gemeinsame Sache gemacht – und sie nicht nur rechtzeitig vor geplanten Vergiftungen gewarnt, sondern ihnen auch Kraftfutter mit Jod S-11-Körnchen besorgt. Das stimmt natürlich nicht. Auch wenn ich selbst diese infamen Unterstellungen in die Welt gesetzt hat.
Hier das Protokoll meines ersten Prozess-Tags:
Richter: Herr Fitz, Ihnen wird vorgeworfen, als Doppelagent für die Menschheit und gleichzeitig für die Tauben gearbeitet zu haben.
Ich: Herr Richter, noch stelle ich hier die Fragen.
Richter: Nein, tun Sie nicht. Das ist mein Gericht, ich stelle die Fragen.
Ich: Ach, so das wusste ich ja nicht.
Richter: Und?
Ich: Danke, gut. Und selbst?
Richter: Ich meine: Und? Haben Sie als Doppelagent gearbeitet?
Ich: Für wen?
Richter: Für die Tauben und die Menschheit?
Ich: Wer sagt denn so was?
Richter: Sie selbst.
Ich: Glauben Sie mir kein Wort.
Richter: Laut meinen Unterlagen sind Sie vor 3 Wochen in ein Polizeirevier gerannt und haben “Nehmt mich fest, ich bin ein Doppelagent. Doppelt mich fest, ich bin ein Nehmagent” gerufen.
Ich: Ja, ich bin nicht nur geständig, sondern auch witzig.
Richter: Was sagen Sie dazu?
Ich: Dass ich mich nur wichtig machen wollte. Ich hatte solange keinen menschlichen Kontakt mehr und habe überreagiert.
Richter: Sie haben auch zugegeben, gemeinsam mit einem Taubenpärchen auf den Balkon Ihrer Nachbarn gekotet zu haben.
Ich: Das stimmt nicht ganz. Es waren keine Tauben anwesend. Ich war ganz allein. Ich habe nur dabei laut gegurrt, damit die Schwattmanns glauben, es seien Tauben.
Richter: Aber Sie haben dann zwei Tage später bei den Schwattmanns geklingelt und sie explizit darauf hingewiesen, dass Sie der Verursacher waren.
Ich: Ja, das war unüberlegt.
Anwalt: Einspruch, Euer Ehren.
Fitz erschießt den Anwalt.
Richter: Sie haben Ihren Anwalt erschossen.
Ich: Sorry, bin zur Zeit etwas dünnhäutig. Er hat mich erschreckt.
Richter: Was machen wir nun?
Ich: Ist es denn schlimmer, seinen Anwalt zu erschießen, als mit Tauben gemeinsame Sache zu machen?
Richter: Da bin ich überfragt.
Ich: Das war nur eine einzige Frage. Wie können Sie denn schon mit einer Frage überfragt sein? Was soll erst passieren, wenn ich zwei stelle?
Richter: Da bin ich überfragt.
Lesen Sie morgen: Werden die Tauben von meinen juristischen Problemen Wind bekommen und mir zu Rettung eilen? Oder zumindest für einen neuen Anwalt zusammenlegen? Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass Sie morgen wieder reinlesen.
Hier noch ein altes Taubenhörspiel (Auf “Kunden gibt’s” klicken)
Lange…
…habe ich an dieser Stelle nicht mehr über meinen Kampf gegen die Tauben dieser Welt geschrieben. Der Grund: Es ist zur Zeit ein Verfahren gegen mich wegen Verrats anhängig. Demnach soll ich lange Jahre als Doppelagent gearbeitet haben. Auf der einen Seite als Taubenvergrämer gegen die Ratten der Lüfte, auf der anderen Seite als Informant für die Tauben. Ich soll ihnen angeblich Informationen über die neuesten Vergräm-Methoden der Menschheit zugespielt haben. Deshalb werde die Menschheit dem Taubenproblem nicht Herr. Ich sei Schuld. Meine Informationen sollen den Vögeln angeblich dabei geholfen haben, ein Gegenmittel gegen Taubengift zu entwickeln.
Wer mich kennt, weiß natürlich: Kann gut sein.
Andererseits: Wer hat denn vor kurzem einer lebenden Taube in aller Öffentlichkeit den Kopf abgebissen? Würde ein Agent oder ein Lobbyist seinen Kunden dies antun? Wenn ich ein Krähenlobbyist wäre – dann vielleicht. Dann kann es sein, dass ich meinem Auftraggeber mitunter ein Auge aushacke. Ach so. Ne, dann auch nicht. Dann Sprichwort geht ja anders rum. Die Postmoderne ist so schrecklich verwirrend.
Lesen Sie morgen: Wie mein 1. Gerichtstermin verlief.
Und wieder…
…lese ich vor Publikum:
13.8. um 19 Uhr im Rahmen des Kieler BarCamps (Camp 24/7, auf der Wiese an der Kiellinie, Höhe Reventloubrücke)
20.8 um 19 Uhr im 4010, Alte Schönhauser Str. 31, 10119 Berlin,
28.8., 20.30 Uhr im St. Oberholz, Rosenthaler Straße 72a, 10119 Berlin
Mehr Infos hier.
Die Sonnenbrillen und ich – keine Liebesgeschichte
Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen blauen Himmel. Ich sitze in einem Straßencafé und trinke Hagebutten-Tee. Mit einem Strohhalm. Ich trinke Hagebutten-Tee oft mit einem Strohhalm, nicht weil er dann besser schmeckt (er schmeckt sogar deutlich schlechter), sondern weil ich beim Saugen so süß aussehe. Reine Eitelkeit, ein Strohhalm steht mir einfach unfassbar gut. Er schmückt mich wie andere Leute ein Ohrring oder eine Kette. Ich will nicht prahlen, aber wenn ich mit spitzem Mündchen an dem dünnen Halm sauge und dabei kokett-verspielt von unten nach oben blicke, sieht das unheimlich goldig aus. Da geht einem das Herz auf. Es sei denn, man ist eine herzlose Bestie.
Ich beobachte mein Spiegelbild oft in der Glasfront des Straßencafés, erfreue mich an meiner Lieblichkeit und lache zwischendurch immer wieder beglückt auf. Im Ernst: Ich habe dann das Zeug zur Loreley. Nur dass ich nicht mein Haar kämme, sondern Hagebuttentee sauge.
Wenn mich Passanten oder andere Besucher des Eiscafés spontan knuddelten oder liebkosten, es wunderte mich nicht. Viele trauen sich aber nicht. Niemand traut sich. Noch nicht einmal, wenn ich direkt dazu auffordere: „Na, los. Kommen Sie. Sie dürfen mich ruhig knuddeln. Ich kann‘s ja verstehen. Ich knuddele mich auch gerne.“ Schüchternheit ist weiter verbreitet als man denkt. Hupend durch die Straßen fahren und den Hintern aus dem Fenster strecken – das können sie. Aber ihre Gefühle einem süßen Geschöpf wie mir zeigen, es einfach einmal herzhaft durchknuddeln – das trauen sie sich nicht.
Zugegeben: Heute wird mein entzückendes Äußeres von einem verkrampften Gesichtsausdruck getrübt. Denn hier an meinem Tisch mitten in der prallen Sonne ist es sehr hell. Und die weißen Häuserwände verstärken das grelle Sonnenlicht zusätzlich. Meine Augen brennen bereits, sie haben sich reflexhaft zu Schlitzen geformt, und auch der Rest meines Gesichts beteiligt sich an der Aktion „Schützt die Pupille unseres Herrn“: Die Nasenflügel sind angezogen, mein rechter Mundwinkel zerrt meine Gesichtshaut nach rechts in Richtung Ohr und sogar mein linker Mundwinkel befindet sich weit in der rechten Gesichtshälfte. Meine Augenbrauen und meine Oberlippe haben sich einander bis auf wenige Zentimeter genähert. Alles von mir völlig unkontrolliert. Meine unfreiwillige Grimasse – eine Folge der starken Helligkeit. Mein Spiegelbild in der Glasfront bestätigt mir: Ich habe einen seltsamen Gesichtsausdruck.
Der Kellner kommt an meinen Tisch. Ich erkenne ihn gegen die Sonne nur schemenhaft. Er fragt, ob es noch etwas sein darf. Ich halte meine rechte Hand wie eine Schirmmütze vor die Stirn, sehe ihn so freundlich an, wie mir das mit meiner Grimasse möglich ist und lehne aus schiefem Mund ab. Er verbeugt sich höflich, aber bevor er sich abwendet, merkt er noch an:
„Sie sehen übrigens äußerst entzückend aus, wenn Sie an Ihrem Strohhalm saugen. Ich möchte Sie am liebsten knuddeln. Süß, wie sich dabei immer Ihr Mündchen spitzt und Sie kokett von unten nach oben blicken.“ Ich bedanke mich artig für sein nettes Kompliment und fühle mich weiter rundum wohl.
„Ach, übrigens“, fügt er noch hinzu, und ich spüre, dass es jetzt unangenehm wird. Ich habe einen sechsten Sinn für unangenehme Situationen. Ich fühle sie schon, unmittelbar bevor sie eintreten. Wie manche Tiere ein Erdbeben vorausahnen, spüre ich, wenn sich zwischenmenschliches Ungemach ankündigt. Es mag vielleicht auch eine Frage der Lebenserfahrung sein, denn wann immer ich mich so rundum wohl fühlte wie jetzt, ging es danach sturzartig bergab.
„Ich beobachte schon die ganze Zeit, wie Sie gegen die Sonne kämpfen und dabei schreckliche Grimassen ziehen,“ führt der Kellner aus. „Die stehen Ihrem so entzückenden Strohhalm-Gesicht überhaupt nicht. Und es ist auch nicht sonderlich gut für die Haut. Gibt Falten. Außerdem schädigt die Sonne Ihre Augen. Ziehen Sie am besten eine Sonnenbrille auf.“
Oha, denke ich mir. Da hat er etwas gesagt. „Sonnenbrille“. Würde mich wundern, wenn ich das so ruhig hinnähme. Und da geht es auch schon los. Ich verschlucke mich. Mein eben noch harmlos nuckelndes Mündchen spuckt Strohhalm und Tee aus. Mein Gesicht verwandelt sich schlagartig in eine Fratze des Zorns (die sich praktischerweise von meiner Sonnenschutz-Grimasse nicht groß unterscheidet, deshalb ist „wechselt schlagartig“ vielleicht etwas übertrieben, es müsste eher heißen: „Bleibt wie es ist, muss aber anders interpretiert werden.“).
Ich greife mit beiden Händen meinen Tisch und werfe ihn im hohen Bogen über die Terrasse. Aschenbecher, Teetasse, Zuckerstreuer und Plastikspeisekarte fliegen den ersten Meter mit, trennen sich aber auf halber Strecke von dem Tisch und werden zu eigenen Flugobjekten.
Geduldig wende ich mich an den Kellner:
„DAS WEISS ICH SELBER, DU VERSCHISSENER ARSCH!“ entfährt es mir und ich klinge recht barsch.
(Zu meiner Verteidigung: Ich bin nun nicht mehr ich selbst, mein sozial verträgliches Ich hat sich an einen anderen Tisch zurückgezogen und beobachtet die Bestie in mir nachsichtig lächelnd – wie eine Mutter ihr randalierendes Kind). Ich werde Zeuge, wie ich das Ehepaar am Nachbartisch packe und die beiden mit voller Wucht mit den Köpfen zusammenstoße – bevor ich wie im Blutrausch auch den Rest des Cafés kurz und klein schlage und abschließend mit einer Arschbombe in das Straciatella-Eis springe.
An dieser Stelle muss ich etwas erklären.
Ich bin auf Sonnenbrillen nicht gut zu sprechen. Ich habe mit ihnen mein Leben lang nur schlechte Erfahrungen gemacht und wurde oft von ihnen verlassen. Immer, wenn ich sie wirklich gebraucht hätte, waren sie weg. Wie oft habe ich an dunklen Regentagen eine Sonnenbrille in meiner Wohnung liegen sehen und gedacht „Ah, da ist sie. Weißt Du, wo Du suchen musst, falls du sie mal brauchst.“ Aber sobald die Sonne wieder schien, hatte sich das Modell bereits unauffindbar verkrümelt. An besonders heißen Tagen hatte ich sogar Verständnis. Ich wollte mich bei hohen Temperaturen auch nicht auf eine schwitzige Nase legen.
Andere Sonnenbrillen waren wohl stark selbstmordgefährdet und sind von mir unbemerkt einfach aus meiner Tasche gesprungen. Oder haben sich heimlich unter meinen Popo geschoben, als ich mich gerade hinsetzen wollte. Und ich? Habe selbst diese verkrumpelten und verbogenen Sonnenbrillen tapfer getragen und mich damit zum Gespött gemacht.
Mittlerweile habe ich mit dem Thema Sonnenbrillen abgeschlossen. Sie haben mein Leben ruiniert. Auch finanziell. Große Teile meines Vermögens sind in die Unternehmen Ray Ban, Clavin Klein und Schlecker geflossen. Ich wollte nicht ohne Sonnenbrille leben, die undankbaren Dinger haben es aber nie lange bei mir ausgehalten. Immer wieder und wieder habe ich mir eine neue Brille gekauft. Denn ich weiß ja auch: Ohne Sonnenbrille stehe ich mit einem Bein im Grab. Ohne Sonnenbrille werde ich blind und meine Augen verschrumpeln.
Aber egal ob teures oder billiges Modell – jedes hat mich bereits nach wenigen Wochen verlassen. Spätestens. Ich habe sogar einmal eine Sonnenbrille gekauft, die war schon weg als ich gerade aus dem Laden auf die Straße getreten war. Solche Erfahrungen gingen nicht spurlos an mir vorüber. Mittlerweile habe ich resigniert und aufgegeben. Sonnenbrillen und ich – das passt nicht. Und so habe ich einfach akzeptiert, dass ich früh faltig werde und an Augenkrebs sterbe.
Wovon ich aber jede Menge besitze: Sonnenbrillenetuis. Die man beim Kauf einer teuren Sonnenbrille oft gratis dazu bekommt. Und in die man die Brille legen sollte, damit sie nicht kaputt oder verloren geht. Brille und Etui vertragen sich in der Regel allerdings auch nicht. Sie kommen genauso wenig miteinander klar wie Sonnenbrille und ich. Von den vielen Etuis hat mich noch keines verlassen. Ich habe sie alle noch. 9.832 Etuis. In einem eigenen Raum voller Etuis. Manchmal gehe ich in das Zimmer und weine gemeinsam mit den Etuis um die verlorenen Brillen. Dann fühle ich mich verstanden. Und nicht so allein.
Sollten Sie mir einmal begegnen, lieber Leser, machen Sie nicht den Fehler des Kellners: Lassen Sie uns nicht über Sonnenbrillen reden. Und bitte auch nicht über meine Nase. Die hat mich zwar noch nicht verlassen, aber sie ist hässlich und krumm. Ist mir unangenehm darauf angesprochen zu werden. Aber sie können ja später hinter meinem Rücken lästern.
Gespräche im Einzelhandel, Teil 4.342
“Ich bin Napoleon.”
“Sind Sie nicht.”
“Bin ich wohl. Gucken Sie hier: mein Hüftschwing. Oh, yeah.”
“Das ist nicht Napoleons Hüftschwung, das ist Elvis’ Hüftschwung. Napoleon hat nie seine Hüfte geschwungen.”
“Ich bin Napoleon. Ich weiß das ja wohl besser als Sie. Hier, schauen Sie, wie ich meine Hüfte schwinge.”
“Und Napoleon hatte auch nie eine Tolle.”
“Kritisieren Sie meine Frisur?”
“Nein, ich kritisiere, dass Sie eigentlich glauben Elvis zu sein, aber zu blöd sind, ihn von Napoleon zu unterscheiden.”
“Pah! Elvis. Von wegen.”
“Finden Sie sich damit ab: Sie sind Elvis!”
“Dann geben Sie Elvis mal 250 Gramm Schinken.”
“Das ist kein Schinken. Das ist Michael Jackson.”
“Oh, sieht aber verflixt aus wie Schinken.”
“Ich frage mich sowieso schon länger, warum der Typ sich in meine Wurstauslage gelegt hat.”
“Wenn Sie gewollt hätten, dass er steht, hätten Sie es vielleicht Wurstausstand nennen sollen.”
“Kann sein.”
“Nein.”
Diesen und andere Dialoge gibt’s auch live. Das nächste Mal am Freitag, 13.8. in Kiel.
Bescheidenheit ist alles
Ich bin Napoleon. Wenn ich den Medien glauben darf, prädestiniert das einen Menschen für den Aufenthalt in einer Anstalt. Ich habe aber Glück. Ich bin sehr bescheiden. Ich würde niemals unter Menschen gehen und hinaus posaunen, dass ich Napoleon bin. Das erschiene mir prahlerisch. Ich würde auch niemals versuchen, irgendwelche Vorteile zu erhaschen, mit dem Hinweis, dass ich ein weltberühmter Feldherr sei. Es gibt doch schon genug Angeber. Insofern wissen nur sehr wenige Leute von meiner wahren Identität. Die meisten glauben immer noch, ich sei Taubenvergrämer. Dann schmunzele ich meist süffisant in mich hinein und fragt mich mein gegenüber daraufhin “Was’n?”, so antworte ich “Och, nichts.” Das aber mit leicht französischem Akzent, so dass der geschichtlich nicht ganz unbeleckte Gesprächspartner bemerken könnte: “Huch! Vielleicht ist das ja Napoleon? Kam mir gleich so bekannt vor.”
Nächste Woche plane ich, Russland zu erobern. Aber natürlich ganz bescheiden und sehr zurückhaltend, ich möchte kein Aufsehen erregen. Ich bin eben einfach der bescheidene Typ. Und in die Anstalt möchte ich auch nicht. Da ist mir die Konkurrenz zu stark. Da soll es angeblich von Napoleons nur so wimmeln. Und bevor ich mir nicht die Markenrechte an Napoleon inklusive Ausschlussklausel für andere Bekloppte gesichert habe, möchte ich nicht eingewiesen werden. Ich kann Angeber einfach nicht leiden.
Der Spätbeleidigte
Beleidigt zu sein habe ich mir mein ganzes Leben lang sehr schwer vorgestellt. Deshalb habe ich es bis letzte Woche lieber sein lassen. Nicht, dass ich zuvor nie Grund gehabt hätte, im Gegenteil, oft war die Gelegenheit sogar äußerst günstig, aber dann habe ich mich doch nicht getraut. Wenn man nie richtig gelernt hat, beleidigt zu sein, dann lässt man es lieber. Schließlich will man sich nicht lächerlich machen. Am Ende legt man irgendwelche Gesten an den Tag, die überhaupt nicht zum Beleidigtsein passen, oder sagt Sätze, die eine völlig andere Gefühlslage ausdrücken. Und dann blicken einen alle mitleidig oder gar verachtend an. Und denken “Soll das jetzt beleidigt sein, oder was? Der Fitz ist vielleicht schlecht beleidigt. Ich glaube, der kann das gar nicht. Dieser Möchtegern-Angepisste.”
Nein, nein, ohne das richtige Know-How wollte ich mit dem Beleidigtsein lieber erst gar nicht anfangen.
Letzte Woche habe ich es dann einfach mal probiert. Einfach so. Ohne Grund. Bei der Frau an der Supermarktkasse. Und es war total einfach und ein Riesenerfolg. Die Frau hat mich ständig gefragt: “Aber Mensch, warum sind Sie denn beleidigt? Ich habe doch gar nichts getan.” Sie können sich nicht vorstellen, wie überglücklich mich das gemacht hat. Soeben hatte man mir bescheinigt, dass ich beleidigt war. Dass ich nun über beide Backen lachte, torpedierte zwar meinen beleidigten Ausdruck, aber ich schöpfte so viel Selbstvertrauen, dass ich seitdem eigentlich ständig beleidigt bin. Und den Reaktionen meiner Umwelt nach, mache ich das recht überzeugend.
Nun bereue ich, dass ich nicht schon früher den Mut dazu gefunden habe. Mir ist soviel Beleidigtsein verwehrt geblieben. Manchmal glaube ich, ich werde nie wieder etwas anderes sein als beleidigt. Aber hey: Ich habe ein enormes Nachholbedürfnis.
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